Die Ärzte und ich

Die Diagnose

Mein neues Leben brachte etwas mit sich, was ich in meinem vorherigen Leben nicht kannte: den ständigen Kontakt zu Ärzten. Bis auf wenige Wehwehchen und dem ein oder anderen Zahnarzttermin war mir dieser Kontakt völlig fremd. Mal von der Serienreife in der Kontaktfrequenz ganz abgesehen. Mein erster Kontakt mit Spezialisten, also Onkologen, nach der Diagnose war dann auch gleich erschütternd. Ich wollte die Besten. Wenn um alles geht, dann will man die Besten. Und so prallten in einem angesehenen Hamburger Brustzentrum gleich mein Wissenshunger und das ärztliche Selbstverständnis einer mir empfohlenen Koryphäe aufeinander. Eine fachliche Kapazität, sprich Professor, edel goldbeknöpft, empfing mich in ebenso edler Umgebung, selbst- und seines Status bewusst. Der Status: eindeutig Retter einer Verzweifelten! Direkt fiel ihm nicht auf, dass nicht Verzweiflung sondern der unbedingte Wille, den Durchblick zu haben und alles, wirklich alles zu verstehen, ganz vorne stand. In den folgenden recht knapp gehaltenen Gesprächen standen immer neue Anordnungen vor zu besprechenden Empfehlungen. Meine Fragen nahmen demnach kein Ende, was dem Professor gleich zu Beginn einer schnell endenden Freundschaft augenscheinlich nicht gefiel.

Der erste wirkliche Tiefpunkt entsprang zwangsläufig dann auch einem solch knappen Gespräch, in dem der Professor ein Knochenzintigramm, eine Art Scan des Skeletts, anordnete, lapidar lässig dies als reine Routinemaßnahme ankündigend, derweil er mit allerlei vorbereitenden Unterlagen für meine OP beschäftigt war. Begeistert wurde mir darin seine Kunstfertigkeit im Bezug auf das Operationsergebnis veranschaulicht. Der OP-Termin stand schneller als ich gucken konnte.

Wer als Nicht-Betroffener die Diagnose Brustkrebs hört, der hat genau wie ich auch dies im Kopf: Die OP, welche die Tumore beseitigt, gegebenenfalls eine Chemo. Punkt. Ich sollte eines Besseren belehrt werden in den folgenden Monaten, aber dazu später.

Meine Tumorspezifikation stand fest: hormonrezeptorpositiver Tumor, HER2 negativ, Score 12. Ja, auch das ändert sich bis heute in meinem Leben: Ich lerne die Ärzte-Sprache. Dies sollte wichtig werden, denn zu verstehen, was in unendlich vielen Papieren steht, ist die Basis, dies zu hinterfragen und eigene Standpunkte daraus abzuleiten.

Hormonrezeptorpositiv ist im wahrsten Sinne des Wortes positiv, sprich gut behandelbar, und so gingen André und ich etwas essen nach der Routineuntersuchung der Knochen. Die OP war besprochen, es sah gut aus. Alles war auf Kurs.

Doch es kam anders. Ein Anruf des Professors riss uns aus dem Mittagessen. Ich erinnere mich gut, wie ich vor dem Café im Regen stand mit meinem Handy. Auch erinnere ich mich sehr gut an die wie durch Watte zu mir durchdringenden Worte: „Wir müssen umplanen. Es wurden Knochenmetastasen gefunden.“ Auf meine Frage, was dies denn bedeute dann die noch heute nachklingende Antwort: „Das heißt, ich kann Sie nicht mehr heilen. Eine Operation macht keinen Sinn“. Zack! Das sass. Im Regen stehend kam sie, die Verzweiflung. Ich muss sterben. Ich ging wieder rein in das Café. Es war bis heute so ziemlich der einzige Moment, der uns einknicken ließ, André und mich. Und bis heute ist uns klar, dass es nicht der Inhalt war sondern die Art und Weise der Übermittlung, denn ja, ich habe Knochenmetastasen, und ja ich bin damit chronisch krank – ein Begriff, den ich bevorzuge vor „palliativ“, wobei heute in der ärztlichen Diagnostik immer noch in kurative, sprich heilbare und palliative, sprich unheilbare Diagnose unterschieden wird. Dies wirft Missverständnisse auf, die Patienten große Angst machen können. Chronisch krank sind viele Menschen, unter anderem mit Diabetes, Asthma, Rheuma und anderen Erkrankungen. Palliativ hat etwas von „die letzten Tage schön machen“. Worte machen viel aus, gerade wenn es um Hoffnung geht!

Der Professor ist Geschichte. Mit einer gewissen Portion Lebenserfahrung und einem unbedingten Lebenswillen ausgestattet, tat ich mein Verständnis einer guten Betreuung und Begleitung in einer selbstredend einschneidenden Lebensphase kund, was unweigerlich zu einer Trennung führen musste. Ich klaubte meine bisherigen Diagnosen aus allerlei CTs, MRTs, Blutuntersuchungen, Ergebnissen der Tumorkonferenzen zusammen und verließ den Glaspalast.

AllesHatSeineZeit1

Denn begleitend zur bisherigen Behandlung tat ich, was ich immer tat in allen Lebenslagen. Ich wollte lernen und Wissen sammeln. Diesmal ging es nicht um ein Projekt oder ein neues Lernfeld, Es ging schlicht um mein Leben und darum, was richtig war, damit es weiterging. Ich wollte vor allem wissen, was ich selbst tun kann. Meine erste Frage immer: Was kann ich selbst tun? Was macht Sinn? Mich auf fachliche Instanzen verlassen – diesmal die richtigen – und auf die Medizin. Ja, das ist wichtig, aber nicht allein.

Sich auf sich selbst verlassen und alles in die richtige Richtung bewegen, das hilft sehr. Man tauscht Hilflosigkeit in eigenes Handeln. Lesen, lernen, erfahren und sich eine eigene Sicht auf die Dinge bilden mit einem offenen Herzen, das ist mein Weg. Damit und mit vielen Fragen, ging ich zu meinen heutigen Ärzten, die eins taten: mir zuhören, mir antworten, mit mir überlegen, Alternativen überdenken, vorschlagen, Für und Wider diskutieren. Heute habe ich ein fantastisches Ärzteteam in unserem Kreiskrankenhaus in Buchholz, dem ich sehr dankbar bin. Allen voran Frau Dr. Schieder, meiner Onkologin und Dr. Schulz, meinem Gynäkologen.

Alles hat seine Zeit

Ja, ich habe metastasierten Brustkrebs. Ich bin chronisch krank. Ich habe dies akzeptiert und fühle mich wohl. Alles hat seine Zeit. So auch dies. Seit vielen Jahren bin ich selbständig. Ich liebe meine Arbeit und ich bin unendlich dankbar dafür, auch mit meiner Krankheit weiterhin aktiv sein zu können. Ich mache Sport und gehe mit den Hunden raus, treffe Freunde und liebe mein Leben. Privat habe ich einige Pläne, über die ich später berichten werde. Die nächsten beiden Monate werden anstrengend, aber mit einer wundervollen Perspektive. Darauf freue ich mich so sehr und es trägt mich durch vieles.

Ich werde oft gefragt, warum ich noch Haare habe. Ich bekomme keine Chemotherapie. Auch das habe ich gelernt. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, Krebs zu behandeln. Ich bekomme Palbociclib, einen so genannten CDK4/6 Inhibitor, was eine kleine Tablette täglich ist, dazu Letrozol, eine weitere Tablette Antihormontherapie, da der Tumor Hormone gar nicht mag und ihm damit die Nahrung entzogen wird. Gegen die Knochenmetastasen, die über den Jahreswechsel auch bestrahlt wurden, gibt es auch einen Antikörper, der XGEVA heißt. Eine Spritze monatlich. Eine Unterleibs-OP im März hat einen anderen Herd eliminiert und die den Tumor fütternden Hormone.
Bisher vertrage ich alles sehr gut und die beste Nachricht ist, dass die Tumore schon heute kleiner sind. Es bleibt also spannend, wie es sich weiter zurückentwickelt.  Natürlich ist nichts sicher, nichts selbstverständlich und schon gar nicht vorhersagbar. Auch das habe ich akzeptiert, denn eines habe ich gelernt in dieser neuen Zeit, es geht immer weiter, es geht nach vorne, es gibt so viel Schönes, für das es sich lohnt zu leben. Und das will ich noch lange. Einfach leben!